Unter Geiern

Wie krank muss eine Gesellschaft eigentlich sein, um für diese Art von Berichterstattung überhaupt auch nur einzuschalten?

Vorweg: Ich will in keiner Weise runterspielen, welche Tragik der Flugzeugabsturz gestern mit sich bringt. Ganz im Gegenteil! Ich habe selbst gestern weinend vor dem Fernseher gesessen und daran gedacht was wäre, wenn einer meiner Lieben in der Maschine gewesen wäre – vielleicht mein Sohn. Ich wünsche allen Hinterbliebenen von Herzen die notwendige Kraft diesen furchtbaren Schicksalsschlag durchzustehen und den Schmerz zu überwinden!

Was die Medien allerdings veranstalten halte ich für im höchsten Maße pervers!

Jeder, der seine geistigen Fähigkeiten noch halbwegs beieinander hat, weiß, dass das Feststellen von Ursachen eines solchen Unglücks seine Zeit braucht. Wieso muss man also jetzt tagelang rund um die Uhr die immer gleichen Berichte senden? Habt ihr Angst, dass die Zuschauer die nichtssagenden Aussagen der Experten innerhalb der nächsten zwei Stunden schon vergessen haben?

Wilde Spekulationen, die nur durch wenige sprachliche Feinheiten an Schuldzuweisungen vorbeischlittern, gepaart mit Sensationsgeilheit spucken sinnbildlich auf die Mitgefühlsbekundungen. Wie kann man auf der einen Seite Mitleid predigen und auf der anderen Seite eine ganze Kleinstadt belagern? Wie bitte sollen die Menschen in Ruhe trauern, wenn sie ständig damit rechnen müssen, dass irgendeiner trotz Absperrung mit technischer Unterstützung bis in die Poren des Taschentuchs zoomt?

Allein die Tatsache, dass man den Schulhof absperren muss, zeigt wie kaputt der Journalismus von heute ist.

Zwischendurch immer der Blick auf den Börsenkurs von Airlines und Hersteller. Logisch, als Wertpapier jonglierender Mensch, warte ich auch immer auf die Fernsehbilder von Anzeigetafeln bevor ich auf Kursänderungen reagiere. „Pietätlos“ ist eine viel zu harmlose Vokabel für diese widerliche Art und Weise.

Ich will mir gar nicht vorstellen wie die Leute belagert werden, die bei der Bergung mitarbeiten. Es bleibt zu hoffen, dass denen Sicherheitskräfte zur Seite stehen, die ihnen auch Zeit zum Ausruhen ohne sinnfreie Fragerei ermöglichen.

Wozu gibt es eigentlich Pressekonferenzen oder den Beruf des Pressesprechers, wenn schon Schülern – auch in Spanien – „aufgelauert“ wird? Bei jedem Mist wird man heutzutage an einen sogenannten Zuständigen verwiesen. Aber beim Eindringen in die Privatsphäre trauernder Menschen kann man ja mal eine Ausnahme machen oder wie darf ich das verstehen?

Dann natürlich immer und immer wieder Gespräche mit den schon erwähnten Experten. Allein schon die Formulierung der Fragen kann ich mir nicht auf der Zunge zergehen lassen ohne das dringende Bedürfnis zu haben mich zu übergeben. So etwas wie „Im Moment können wir nur spekulieren, aber […]“. Nein! Kein „aber“! Seit wann stellen wir Vermutungen auf die gleiche gehaltvolle Ebene wie Informationen? Da ist ja der Wetterbericht exakter.

Am Unglückstag selbst – offensichtlich aus Mangel an schockierenden Bildern vom eigentlichen Absturzort – wurden die Top 10 Abstürze der letzten Jahre aus dem Archiv gekramt. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es sein muss: Man hört vielleicht im Radio von dem Unglück, rast wie blöde zum nächsten Fernseher, hat immer noch keine Gewissheit ob einer seiner Lieben mit im Flugzeug saß, versucht ständig erfolglos anzurufen und in der Glotze zeigen sie munter brennende und zerschellte Maschinen.

Aber immer wieder wird wie vom Roboter eingespielt das „Mitgefühl“ erwähnt – mit dem Charme einer heranfliegenden Bratpfanne. Vielleicht wäre der erste Schritt der Übung zunächst mit Gefühl zu berichten anstatt gleich zum Kompositum zu greifen, nur weil man es mal im Wörterbuch gesehen hat.

Mich erinnert das alles auch an den Unfall von Michael Schumacher, als der Vorplatz eines Krankenhauses als Campingplatz für investigativ umnachtete Menschen zweckentfremdet wurde – und schlimmeres.

Unter dem Deckmantel der Propaganda-Wörter „investigativ“ und „öffentliches Interesse“ werden die Gefühle von Menschen mit Füßen getreten. Ganz ehrlich, das Niveau hat den Grundstein einer jeden Moral längst hinter sich gelassen und rast fröhlich gen Erdkern. Um auf das Beispiel der Schule zurückzukommen, hätte ein Foto der Kerzen doch vollkommen ausgereicht. Wozu muss man die Schülerinnen und Schüler zeigen, geschweige denn filmen oder fragen? Dass sie trauern, versteht man auch nach einem Schlag auf den Kopf noch von selbst. Den Schmerz, den sie empfinden, kann keiner nachempfinden, der noch nicht in einer solchen Situation war. Es sich anzumaßen mit ein paar platten Fragen dem Zuschauer einen exklusiven Einblick in die Gefühlswelt eines Trauernden geben zu können, ist vermessen und kurzsichtig. Von einem Journalisten, der diese Bezeichnung auch verdient, erwarte ich geistige Leistungen über dem Niveau von „Wann sind wir endlich da?“.

Liebe Journalisten, lasst die Menschen in Ruhe! Wendet euch an die für euch zuständigen Personen und Stellen. Alle anderen haben beileibe besseres zu tun als euch die Zeit zu vertreiben. Meinetwegen schaltet textbasierte Liveticker, lasst ein Band am Bildschirmrand mit sich ständig wiederholenden Informationen laufen. Aber eine Pressekonferenz, auf der auch nur eine einzige Frage beantwortet wird, ist informativer und menschlicher als acht Stunden Brennpunkt und dergleichen zusammen.

Wenn das die Zivilisation ist, dann stellt sich mir die Frage in den Wald zu ziehen…

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Comic-Bild Gregor

Über den Autor

Ich bin Fachinformatiker, Berliner und ganz offensichtlich ein verrückter Blogger. Je nachdem überwiegt das ein oder andere.

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8 Kommentare zu „Unter Geiern

  1. Ich zitiere dich, weil es genau den Punkt trifft:

    „Liebe Journalisten, lasst die Menschen in Ruhe! Wendet euch an die für euch zuständigen Personen und Stellen.“

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  2. Gregor, dies ist ein Beitrag von Dir wie ich Dich kenne.
    Ich möchte gar nichts hinzufügen und / oder kritisieren.
    Du hast so was von Recht LEIDER

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  3. Danke, für euren Zuspruch, Katrin, Broti, Ede und Holger!

    Ich finde es auch heute weiter schlimm, wie man den Co-Piloten vorverurteilt. Mir schwirrt da eine Aussage im Kopf rum, die mich stutzig gemacht hat: Es wurde gesagt, dass man ihn hat atmen hören, weshalb er bei Bewusstsein gewesen sein muss. Also ich bin nicht besonders medizinisch bewandert. Aber demnach müssten jährlich einige Ohnmächtige ersticken, wenn ich das so auslege.

    Was bleibt sind Entsetzen und Trauer. Die Wut über die Journalisten natürlich auch. Der Rest ist Schweigen.

    LG
    Gregor

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    • Hallo Hermann,

      natürlich gestatte ich passende Links. Ja, das Bild habe ich in den diversen Netzwerken auch gesehen. Eine passende Liste.

      LG
      Gregor

  4. Die tragweite dieser bekloppten Berichterstattung und Gier nach Aufmerksamkeit, ist schon …. die betroffenen tuen mir da noch mehr Leid. Ich weiß aus eigener Erfahrung wie schmerzhaft manche Aussagen sein können und man muss sich schon komplett ausklinken um hier nicht auszurasten.

    Bild online Spon und Focus Online sind da aber Spitzenreiter bei der bescheidenen Berichterstattung.

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