Einheitlich alles anders?

Heute ist Tag der Deutschen Einheit und ich habe dazu zu einer Blogparade eingeladen.

Nun möchte ich natürlich auch in meinen Erinnerungen graben und mal zusammenschreiben, wie ich das damals erlebt habe.

Foto Grenzübergang Sonnenallee
Grenzübergang Sonnenallee

An der Mauer, auf der Lauer…

Ich wohnte damals mit meinen Eltern und Brüdern quasi in der letzten Querstraße zur Sonnenallee auf West-Seite Berlins.

Vom Balkon aus konnten wir die Mauer sehen und auch noch ein ganzes Stück weit rüber gucken. Ich erinnere mich noch an die Wachtürme, den Sand und die Häuser dahinter. Leider wurde dieser Ausblick nie auf Fotos festgehalten und die Bilder vor meinem geistigen Auge sind recht verschwommen.

Im Zuge der Vorbereitung auf diesen Beitrag habe ich meinen Vater um Fotos gebeten. Davon kommen auch noch mehr. :-)
Aber den Ausblick, wie gesagt, hatte er damals nicht fotografiert, weil er einfach nicht damit gerechnet hatte, dass das irgendwann mal eine größere Bedeutung haben könnte.

Auf West-Seite war es grün an der Mauer – und zwar bis direkt ran.

Wenn wir Kinder unten spielen gingen (machte man damals noch so, digitalisiert habe ich mich erst später :D ), hatten wir die Wahl zwischen den Spielplätzen in unserer Siedlung oder dem parkähnlichen Grünstreifen an der Mauer. Im Winter wurde sogar auf der anderen Straßenseite der Sonnenallee an einem kleinen Hang in diesem Grün gerodelt.

Auf diesem Parkweg patrouillierten, als an die Einheit noch gar nicht zu denken war, regelmäßig Soldaten.

Doch weder Verbote, noch die meist nass-schlammigen letzten Meter hielten uns Kinder davon ab direkt an der Mauer zu spielen. Wir sahen darin keinerlei Gefahr. Warum auch? Das Ding stand stabil, was sollte passieren? Obwohl man schon hin und wieder finstere Mienen auf der anderen Seite erblicken konnte. Aber wir haben uns nichts dabei gedacht. Und es hat einfach Spaß gemacht als Stadtkind in diesem kleinen Anflug von Unterholz zu spielen. Es war abenteuerlich. :-)

Tja, und dann kam das Jahr 1989

Foto von mir zur Zeit der Maueröffnung
Ich zu der Zeit

Das war für mich ohnehin ein Jahr, in dem sich vieles wandelte.

Ich kam in die Grundschule. Am Tag der Einschulung hatte ich Geburtstag und ich weiß bis heute wie unangenehm mir das Ständchen war, das man mir direkt nach dem ersten Aufsuchen unseres Klassenraumes kurzum organisierte. Vielleicht mit ein Grund, warum ich auch jetzt noch die eigene Geburtstagsfeier lieber unter den Tisch fallen lasse? :D

Für Nachrichten und Politik habe ich mich damals nicht wirklich interessiert. Hätte ich jetzt angesichts meines damaligen Alters rückblickend auch etwas befremdlich gefunden. ;-)

Allerdings kann ich mich deshalb nur teilweise an die eigentlichen Geschehnisse erinnern. Ich weiß, dass meine Eltern furchtbar aufgeregt waren als die Mauer fiel. Logisch! Immerhin verstanden sie ja auch die Zusammenhänge.

Foto der Schlangen am Grenzübergang Sonnenallee
Kommen und Gehen

An die chaotischen Zustände, die durch die direkte Wohnnähe zum Übergang Sonnenallee entstanden, kann ich mich allerdings schon noch ein wenig erinnern. Wo einst relativ ruhige Straßen waren, tobte nun stetig das Leben. Ein ständiges Hin und Her.

Die Bushaltestelle, von der aus ich morgens meinen Weg zur Schule antrat, war bislang die Endhaltestelle gewesen und nur wenige Fahrgäste waren dort zu finden. Das sah nun, wie man auf dem nächsten Foto sehen kann, ein wenig voller aus. Okay, nicht jeder auf dem Bild möchte zum Bus. Die meisten sind einfach das Stück weiter bis zu den Einkaufsmöglichkeiten gelaufen. Aber der Vergleich war gerade aus der Perspektive von Kinderaugen recht heftig. So große Menschenmengen kannte ich nur von entsprechend großen Kaufhäusern.

Menschenströme an der sonst verwaisten Bushaltestelle
Sonst verwaiste Bushaltestelle

Mein Vater berichtete davon, dass man die nahe gelegenen Geschäfte für den regulären Einkauf nicht mehr wirklich nutzen konnte, weil sie schlicht überlaufen waren. Aber das war natürlich nur temporär der Fall. Denn so bedeutungsschwer die Einheit war und ist, so kehrte auch hier Alltag ein.

Diese Veränderungen wirkten sich natürlich auch auf unsere Spielgewohnheiten bzw. die Umgebung aus. Abseits der Sonnenallee war es zwar weiterhin recht ruhig. Aber das wirkte auf so manche Gestalt geradezu magnetisch anziehend. Die Soldaten waren weg. Dafür hatten wir immer wieder die Polizei als Zaungast. Mal einfach beobachtend, mal rannten sie kleingewachsenen Zigarettenverkäufern nach. So haben wir es damals jedenfalls wahrgenommen. Heute ist mir schon klar, was da passierte. :D

Die Mauer muss weg

Foto vom Abriss der Mauer - nachts
Abriss 1 von 3

Als man die Mauer dann tatsächlich auch als Bauwerk zu entfernen begann, brach eine Solidarität der Anwohner mit den Arbeitern aus, wie sie heute ganze Baustellen in wenigen Tagen lösen könnte. ;-) Ich würde sagen, es war ein Mix aus denen, die Erinnerungsstücke mitnehmen, und denen, die dem Ding gerne persönlich noch einen Tritt mit auf den Weg geben wollten.

Foto vom Abriss der Mauer - nachts
Abriss 2 von 3
Foto vom Abriss der Mauer - nachts
Abriss 3 von 3

Man lernt sich kennen

Ich finde diese Überschrift zwar irgendwie komisch, aber ich denke, dass es schon stimmt. Man hat ein Land gewaltsam geteilt, das eigentlich immer zusammengehörte. Trotzdem ist nach einer so langen Zeit jede Annäherung nicht einfach – so sehr sie auch gewollt wurde. Aus heutiger Perspektive, denke ich, haben es die Menschen selbst am besten gelöst.

Obgleich der Menschenmassen quasi vor der Haustür und auch erster Spaziergänge mit der Familie auf die noch unbekannte Seite (beispielsweise ins Arboretum) hatte ich den ersten bewussten Kontakt zu Mitmenschen aus dem Ost-Teil dann in der Schule. Das wurde damals gar nicht groß kommuniziert. Diese Tatsache in Kombination mit dem ohnehin sorgenfreien Alter machten das wohl auch so absolut natürlich. Aus heutiger Sicht wunderschön!

Sonnenallee? Liegt die nicht in der DVD-Sammlung?

Ich habe mal versucht mit Hilfe von Google Maps eine Karte der von mir erwähnten Orte inkl. Mauerverlauf hinzukriegen:

Und heute?

Ich wohne seit meinem 12. Lebensjahr nicht mehr dort. Seitdem war ich vor ein paar Jahren nur ein, zwei Mal dienstlich dort gewesen.

Und im Zuge der Vorbereitung auf diesen Beitrag habe ich mir vorletzten Sonntag ein Herz gefasst und mich auf die Spuren des ehemaligen Grenzübergangs und meiner Kindheit gemacht.

Das war irgendwie ein komisches Gefühl. Vieles ist geblieben, anderes hingegen hat sich radikal verändert.

Und wenn man da so entlang schlendert, spielt da immer wieder ein DJ Kopfkino. Erinnerungen, wohin man schaut.

Foto des Siedlungsendes zum ehemaligen Grenzübergang hin. Hohe Bäume stehen dort in der Sichtlinie.
Foto von Natur aus verboten

Wie man sieht, sieht man nichts. Das ist die Siedlung, in der wir damals gewohnt haben. Also auch das Ende, das direkt zum ehemaligen Grenzübergang zeigt. Nur, von dort oben lassen sich heute keine Fotos mehr in diese Richtung schießen. Das wird durch die Bäume quasi von Natur aus verhindert. Ich hätte also allenfalls ein nettes Herbstmotiv daraus machen können. :D

Die Häuser haben auch einen Farbwechsel erhalten. Nun, über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Aber das Himmelblau damals gefiel mir eindeutig besser.

Foto eines kleinen Hanges
Hier bin ich mit dem Schlitten runter

Diesen zugegebenermaßen kleinen Hang ging es damals, als im Winter auch noch Schnee lag, mit dem Schlitten runter. Dort, wo in der Bildmitte wieder das Sonnenlicht hell durchscheint, war damals allerdings Ende. Denn dort stand die Mauer.

Foto von sehr grün verdrecktem Wasser
Damals schlammig, heute richtig nass und grün

Als wir Kinder dort noch spielten, war das ein sehr niedliches Rinnsal. Kaum als solches wahrzunehmen und einfach nur schlammig. Jetzt… Nun ja, immerhin ist grün ja die Farbe der Hoffnung. ;-)

Foto des mit Pflastersteinen markierten Mauerverlaufes
Hier verlief sie

Das ist tatsächlich auf dem Bürgersteig dort, wo der Grenzübergang einst war. Diese steinerne Markierung zieht sich den Mauerverlauf entlang durch Berlin und ist natürlich auch an der Sonnenallee zu finden. Hier sogar noch mit dem Hinweis, wo Ost- und West-Teil war.

Foto einer metallernen Platte, die an die Maueröffnung am am Grenzübergang Sonnenallee erinnert
Plattenbau mal anders

Ich halte fest, ich habe eindeutig die richtige Stelle aufgesucht und mich nicht verlaufen. :D

Tja, einst standen genau da Wachposten und haben kontrolliert.

Foto der Stelle an der Sonnenallee, wo einst der Grenzübergang war.
Hier war die Grenze einst

So sieht der Grenzübergang heute aus. Nun kann man hier streng reglementiert durch die Schranken nur noch die Straße überqueren. So unspektakulär das jetzt auch auf dem Foto aussieht, umso krasser war für mich der Kontrast aus Erinnerung und heutigem Erscheinungsbild.

Fazit

Das war nun ein Kessel bunter Eindrücke von damals und heute.

Jetzt möchte ich noch etwas ganz persönliches loswerden in Bezug auf die Einheit.

Viele der Menschen, die mir so nah stehen wie es nur wenige im Leben können, sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Somit hat der Verlauf der Geschichte auch einen entscheidenden Anteil am Verlauf meines Lebens. Denn ich hätte diese Menschen unter anderen Umständen wohl kaum kennenlernen können. Und ich bin dafür unheimlich dankbar, dass sie Teil meines Lebens sind! ( Ahoi ;-) )

Über die politischen Zusammenhänge kann man sicherlich streiten. Aber als Mensch kann ich dazu nur eine Meinung haben und möchte sie mit einem Foto aus einem Park ganz nah an meinem damaligen Zuhause darstellen:

Foto eines Wegweisers zum Märchenbrunnen
Märchen schreibt die Zeit

Die Einheit ist für mich ein Märchen. Sie erzählt eine furchtbare Geschichte von der Teilung. Aber das Ende ist glücklich bis ans Ende unserer Tage! :-)

In diesem Sinne wünsche ich Dir einen schönen Feiertag und würde mich freuen, wenn Du mich an Deinen Eindrücken von damals teilhaben lässt.

Comic-Bild Gregor

Über den Autor

Ich bin Fachinformatiker, Berliner und ganz offensichtlich ein verrückter Blogger. Je nachdem überwiegt das ein oder andere.

Wer mehr über mich erfahren möchte, kann dies auf der „Über mich”-Seite tun, das Kontaktformular nutzen oder mich in einem der sozialen Netzwerke aufsuchen:

2 Kommentare zu „Einheitlich alles anders?

  1. Ich war damals in der Ausbildung, zweite Lehrjahr.
    Offen gestanden, viel habe ich nicht mitbekommen. Es wurde an dem Tag viel geredet, aber so richtig realisiert habe ich das nicht.
    Erst wie ich nach Feierabend dann in meinem Wohnbezirk Tempelhof doch recht viele Trabant gesehen habe, dämmerte es mir, warum alle so merkwürdig drauf waren. Naja, besser spät bemerkt als nie! :)
    An eines erinnere ich mich aber ganz genau, ich war etwas verärgert wieso die Ausstrahlung einer neuen Folge von Star Trek Next Generation verschoben / abgesagt wurde, wegen „irgend so einer Kundgebung“ am damaligen Berliner Rathaus Schöneberg.
    Die damals von Momper, Kohl und Co. schlecht gesungene Deutschland Hymne schmerzt immer noch in meinen Ohren. Vielleicht bin ich deshalb auf dem rechten Ohr fast taub. ;-)

    • Hallo Andi,

      danke für Deinen Einblick. :-)

      Als ich heute Vormittag an besagtem Rathaus vorbeigefahren bin, musste ich an Deinen Kommentar denken. Glücklicherweise hat dieses Bauwerk auch andere Redner beherbergen dürfen, nach denen der Platz ja auch benannt wurde. ;-)

      LL&P
      Gregor

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